Gedanken zum Wochenabschnitt (18.09.2021)

Entdecke die Gedanken zum aktuellen Wochenabschnitt von Rabbiner Jaron Engelmayer!
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In jüdischen Gemeinden der ganzen Welt ist es üblich, während der Gottesdienste am Montag, Donnerstag und Samstag den wöchentlicher Tora-Abschnitt zu lesen, den Paraschat HaSchawua (hebräisch: פָּרָשַׁת הַשָּׁבוּעַ), (kurz Parascha). Der Name des Abschnitts ist das erste Wort des Verses. Der Parascha besteht aus einem bestimmten Abschnitt der Tora (Fünf Bücher Mose), der in der jüdischen Liturgie während einer bestimmten Woche verwendet wird. Es gibt 54 Parascha, der gesamte Zyklus wird im Laufe eines jüdischen Jahres gelesen, beginnend mit dem Fest Simchat-Torah, an welchem das Ende und auch gleich wieder der Anfang der Heiligen Schrift gelesen wird. Auf diese Weise kommt die Lesung nie zu einem Ende. Der Parasha inkludiert auch einen Abschnitt aus dem Prophethen (Nevi’im), eine thematisch oft ähnliche Lesung (genannt Haftara).

Wochenabschnitt Haasinu

12. Tischrei 5782

September 18, 2021

Tora Lesung:

Haasinu: Deuteronomium 32:1-52

Haftara:

Samuel II 22:1-51

Gedanken zum Wochenabschnitt

Darf ein religiöser Mensch betrügen? In welcher Beziehung steht die Religion mit Rechtschaffenheit?
In unserem Wochenabschnitt lesen wir: (5. Buch Moses 32, 4) “…all’ seine Wege sind Recht; ein G”tt der Treue und ohne Trug, gerecht und gerade ist Er.” G“tt ist die Gerechtigkeit selbst, ihr Ursprung, ihre Definition! In welcher Verbindung steht dies mit dem menschlichen Handeln?   
An anderer Stelle lehrt die Torah: (dort 11, 22) “Denn wenn ihr dieses ganze Gebot beobachtet, welches Ich euch befehle, es zu tun, den Ewigen, euren G”tt, zu lieben, in all’ Seinen Wegen zu gehen und sich an Ihn zu heften.” Was bedeutet, in G”ttes Wegen zu gehen? Wie kann man sich an Ihn heften? Raschi erklärt zur Stelle: “Er ist barmherzig, auch du sei barmherzig, Er ist wohltätig, auch du sei wohltätig!” G“tt ist der Ursprung aller guten Eigenschaften; in Seinen Wegen zu gehen heißt, Seine Eigenschaften zu imitieren (bab. Talmud Ketubot 111b). Ibn Esra kommentiert zum obigen Vers: Der Mensch werde sich durch das Aneignen der Eigenschaften G”ttes schließlich an Ihn heften.

Recht zu lernen und Gerechtigkeit zu üben ist keine rein weltliche Angelegenheit. Mit ihnen bietet sich dem Menschen die Möglichkeit, sich an G“tt zu heften, denn die Gerechtigkeit ist eine der Eigenschaften G”ttes. Es ist eine religiöse Angelegenheit, die eine Verbindung zu G“tt herstellt, ebenso wie das Gebet oder der Opferdienst, oder gar mehr: (Sprüche 21, 3) „Recht und Gerechtigkeit auszuüben ist dem Ewigen vorzüglicher als Opfer.“
Überdies gehört die Gerechtigkeit zu den grundlegenden Forderungen G“ttes an den Menschen: (Micha 6, 8) „Er hat dir, Mensch, erzählt, was gut ist, und was der Ewige von dir fordert: Recht zu üben, Güte zu lieben und demütig vor deinem G“tt zu wandeln.“ Sie ist eine der drei Säulen, auf welchen die Welt ruht: (Sprüche der Väter 1, 18) „Auf drei Dingen basiert die Welt: auf der Wahrheit, auf dem Recht und auf dem Frieden…“
Recht und Gerechtigkeit sind weit mehr als ein rein weltliches, juristisch begrenztes Gebiet, mehr als eine notwendige Einrichtung, um in der menschlichen Gesellschaft Ordnung zu bewahren. Sie sind der Welt ein Fundament und der Religion eine Basis! Durch Recht wird Zion erlöst werden (Jesaja 1, 27), Recht und Gerechtigkeit werden der Weg G“ttes genannt (1. Buch Moses 18, 19), sie sind ein Grund, dem Menschen Leben zu schenken (Jecheskel 33, 16).  

Recht ist eine g“ttliche Eigenschaft; sich mit dem Recht eingehend zu befassen, es sich anzueignen und auszuüben verbindet den Menschen mit G“tt. Deshalb ist die eingangsgestellte Frage eigentlich falsch gestellt. Es geht nicht darum, ob ein religiöser Mensch betrügen darf oder nicht, denn ein Mensch, der nicht rechtschaffen handelt, ist damit in seiner Handlungsweise nicht religiös und entspricht nicht den Erwartungen G“ttes an ihn.   

Bleibt noch anzufügen, dass im Grunde genommen das Leben nicht in weltliche und in religiöse Bereiche zu unterteilen ist. Die Torah ist eine Lehre des Lebens – Torat Chaim – und umfasst das ganze Leben! Jeder Moment des Daseins ist dazu vorgesehen, “religiös” erlebt zu werden, denn stets und in allem Handeln steht der Mensch vor G“tt. Dies bewusst wahrzunehmen ist jedoch eine sehr hohe Stufe der G“tteserfahrung, die unter anderem König David zuteil war: (Psalm 16, 8) „Ich bin mir des Ewigen stets gegenwärtig“.

Rabbiner Jaron Engelmayer (Stadttempel Wien)