Gedanken zum Wochenabschnitt (18.06.2022)

Entdecke die Gedanken zum aktuellen Wochenabschnitt von Rabbiner Jaron Engelmayer!
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In jüdischen Gemeinden der ganzen Welt ist es üblich, während der Gottesdienste am Montag, Donnerstag und Samstag den wöchentlicher Tora-Abschnitt zu lesen, den Paraschat HaSchawua (hebräisch: פָּרָשַׁת הַשָּׁבוּעַ), (kurz Parascha). Der Name des Abschnitts ist das erste Wort des Verses. Der Parascha besteht aus einem bestimmten Abschnitt der Tora (Fünf Bücher Mose), der in der jüdischen Liturgie während einer bestimmten Woche verwendet wird. Es gibt 54 Parascha, der gesamte Zyklus wird im Laufe eines jüdischen Jahres gelesen, beginnend mit dem Fest Simchat-Torah, an welchem das Ende und auch gleich wieder der Anfang der Heiligen Schrift gelesen wird. Auf diese Weise kommt die Lesung nie zu einem Ende. Der Parasha inkludiert auch einen Abschnitt aus dem Prophethen (Nevi’im), eine thematisch oft ähnliche Lesung (genannt Haftara).

Schabbat Behaalotcha 5782   

19. Siwan 5782 – 18.06.2022 

Gedanken zum Wochenabschnitt


G“tt rügt in unserem Wochenabschnitt Aharon und Mirjam wegen ihrer üblen Nachrede gegen Mosche. Dabei beschreibt Er ihnen, durch welche besondere G“ttesnähe Mosche sich wie sonst kein anderer Mensch auszeichnete: (4. Buch Moses 12,7-8).

 „Nicht so (wie alle anderen Propheten) ist mein Diener Mosche, in meinem ganzen Hause ist er bewährt. Zu ihm rede Ich von Mund zu Mund und sichtbar, nicht in Rätseln, und das (Ab)bild des Ewigen schaut er. Und warum habt ihr euch nicht gefürchtet, gegen meinen Diener Mosche zu reden?“

Der Talmud in Brachot (7a) erklärt, wie Mosche zu diesen Vorzügen kam: „…und der Lohn dafür, dass (Mosche sich fürchtete,) „G“tt zu schauen“ (2. Buch Moses 3,6), war: „Und das (Ab)bild des Ewigen schaut er.“  
Der Talmud stellt eine Beziehung und Parallele des an beiden Satzstellen erscheinenden Wortes „הביט“ – „schauen“ – her. Doch welche Verbindung existiert über diese technische Verbindung hinaus?

 
Mein Rosch Jeschiwa, Rav Nachum L. Rabinovitch זצ“ל, erkannte in der verschiedenartigen Bezeichnung für G“tt den Schlüssel zum Verständnis. G“tt – א-לוקים – ist die Bezeichnung für die g“ttliche Führung nach strenger Gesetzesmäßigkeit. Der Ewige – י-ד-ו-ד – weist auf eine erbarmungsvolle g“ttliche Führung hin. 


Beim ersten Satz befindet sich Mosche am Dornbusch in der Wüste, noch unter dem lebendigen Eindruck der grausamen Versklavung und Unterdrückung seiner israelitischen Schwestern und Brüder in Ägypten. „Warum? Wie kann G“tt eine solche Situation zulassen?“ Diese Frage wird ihn wohl im selben Moment enorm beschäftigt haben. Nun hat er Gelegenheit, den Schöpfer und Lenker der Geschichte Selbst zu befragen. Doch stattdessen verhüllt er sein Gesicht, „כי ירא מהביט אל הא-לוקים – denn er fürchtete sich, G“tt zu schauen„! G“tt ist hier mit dem Namen א-לוקים bezeichnet, der die מדת הדין verkörpert, die Führung der Welt mit strengen Maßen und hohen Anforderungen an den Menschen. 
Mosche hatte die Möglichkeit, den gesamten Überblick über die Welt zu erfassen und das einheitliche Bild des g”ttlichen Planes in der Menschheitsgeschichte umfassend zu begreifen. Dadurch wäre das große schmerzhafte und unverständliche Rätsel des צדיק ורע לו“, warum es einem Gerechten schlecht gehen kann, für ihn gelöst gewesen. Doch Mosche fürchtete sich davor, die Welt durch diese klare Sicht zu sehen, und zog es vor, mit dem ungelösten Rätsel weiterzuleben. Denn dieses übermenschliche Verständnis hätte für ihn zugleich den Verlust seiner Menschlichkeit bedeutet! Mosche hätte die Schmerzen anderer nicht mehr mitgefühlt, denn er hätte jedes Mal verstanden, weshalb der Betreffende gerade leiden muss und warum es nur zu seinem besten ist, und genau davor fürchtete sich Mosche! 


Weil Mosche die Menschlichkeit und das Mitgefühl mit seinen Mitmenschen dem übermenschlichen Verständnis des gesamten Weltbildes vorzog, verdiente er es, das andere unverständliche Rätsel der Menschheit zu begreifen: רשע וטוב לו„, warum es einem schlechten Menschen gut gehen kann: “…und das (Ab)bild des Ewigen schaut er…” G”tt ist hier mit dem Namen ידוד bezeichnet, der die מדת הרחמים, die g”ttliche Führung der Welt mit Nachsicht und Erbarmen, verkörpert. Diese g”ttliche Führung wurde Mosche als Belohnung kundgetan, wodurch er verstehen konnte, weshalb einem Bösewicht manchmal Gutes vergönnt ist und wodurch er sich jeweils die Gnaden G”ttes verdient. 

 
Doch für uns „normal-Sterbliche“ gilt wohl weiter, wie es in den Sprüchen der Väter heißt: „Es ist nicht in unseren Händen, weder das Glück der Frevler, noch die Leiden der Gerechten (zu begreifen).“ (4,19)
 

Rabbiner Jaron Engelmayer